Dienstag, 30. August 2016

Geheimtüren in Bücherschränken


In sehr vielen Klosterbibliotheken gibt es kaschierte Räume hinter vorgetäuschten Bücherwänden. Dahinter können sich weitere Fächer, aber auch Türen zu unsichtbaren Räumen und Stiegen befinden. Die zwei Bilder rechts zeigen einen geheimen "Türhebel" (man drückt auf den Buchrücken und die Tür eröffnet sich). Die leicht geöffnete Tür wird im unteren Bild sichtbar.

Was verbarg sich dahinter? Sehr oft eine Stiege zur Empore, auf die nur der Bibliothekar steigen konnte bzw sollte. In manchen Klöstern hat man (so die mündliche Überlieferung) die geheimen Schränke als literarische Giftschränke verwendet: Dort verstaute man die von der Glaubenskongregation verbotenen Bücher.

Geheime Fächer sind eine beliebte Spielerei im Barock, aber sie sind nie ganz außer Mode gekommen. Die unteren Bilder zeigen Geheimtüren aus Privatbibliotheken in Wohnhäusern der Gegenwart. Derlei findet man selten in modernen öffentlichen Bibliotheken – sie sind scheinbar nüchterner geworden.

Freitag, 19. August 2016

Beichtzettel und Zulassung zur Kommunion

Wer heute noch nach der Beichte einen Zettel durch das Gitter geschoben bekommt, nimmt es dankbar als Gebetsanregung an, denkt aber nicht daran, dass er es jemals vorweisen müsste. Der Ursprung des Beichtzettels (heute meist ein frommes Bildchen mit Bibelspruch) liegt aber im sakramentenrechtlichen Denken des 18. und 19. Jahrhunderts, als man den Ausweis brauchte, um zur Osterkommunion zugelassen zu werden. Das erste Bild (oben) zeigt einen Vordruck von Osterbeicht-Zeugnissen aus der Heiligenkreuzer Stiftpfarre.
Dann kommt ein ähnlich nüchternes Zeugnis aus der Jahrhundertwende. Das letzte Bild ist aus der Zeit, als der Beichtzettel schon vom Aussterben bedroht war: ein Exemplar aus den 1960er Jahren. Es möchte Katechese (der Sünder meditiert darüber, wie seine Sünden Jesus ans Kreuz geschlagen haben) mit der Ausweisfunktion (siehe Jahreszahl 1961 als Datierung) verbinden.

Freitag, 22. Juli 2016

Warum ich Cistercienser schreibe

Duden 1903
Erstens: Angefangen mit dem Ordenskürzel „O.Cist.“ bis hin zur Schreibung im Französischen, Englischen und in jeder anderen europäischen Sprache, überwiegt die C-Schreibung. 
Zweitens: Führende Historiker des 20. Jahrhunderts bis in unsere Zeit (etwa Pater Gregor Müller, Abt Ambrosius Schneider, oder der Mediävist Gerd Melville) ziehen die C-Variante vor.
Drittens: Die Z-Schreibung ist national-ideologisch gefärbt: Erst die Duden Auflage zum Jahr 1903 ging vom Cistercienser zum Zisterzienser über, ohne freiliech davor eine Stellungnahme vom Orden einzuholen. Die Duden-Redaktion verstand ihre Aufgabe wenig später als „Abrundung und Vertiefung des historischen und geistesgeschichtlichen Bildes des Nationalsozialismus.“ 
Viertens: Ich schreibe Cistercienser, weil ich modern sein will, wie zum Beispiel die Verwaltung des Amberger Congress Centrums


... und die Stadtmütter der Hansestadt Hamburg...



... und Tausende von anderen. Die Geschichte der Germanistik zeigt zwar, dass die Rechtschreibnormierung als nachvollziehbares Desiderat der Neuzeit auftritt, dennoch oft gescheitert ist. Der Schrei nach einheitlichen deutschen Sprachregelungen im frühen 20. Jh. ist nicht in jedem Punkt gelungen und sollte nicht als sakrosankt gelten. Es gibt heute noch Ernährungswissenschaftler, die statt Pommes den "rein-deutschen" Ausdruck frittierte Kartoffelstäbchen verwenden, aber wer nimmt sie ernst? Der post-nationalistische Duden ist selbstverständlich nach 1945 bald wieder zu Pommes zurückkehrt. 
Bibliotheksrecherchen – global gesehen – ergeben exponentiell mehr Suchergebnisse für Cisterc* als Zisterz*. Das Argument, dass die Z-Schreibung einheitlicher wäre, ist schwer zu vertreten. Wer wirklich ein internationales Publikum vor Augen hat, kommt mit der C-Schreibung viel weiter.

Dienstag, 19. Juli 2016

Klösterliche Taubenhäuser

Das Bild links zeigt das Taubenhaus in der ehemaligen Cistercienserabtei Loccum. Diese inzwischen selten gewordene Konstruktion, auch Taubenschlag genannt, war im Mittelalter und der Frühen Neuzeit sehr weit verbreitet. Adelsresidenzen und Klöster errichteten sie, weil sie für die Kanzlei Brieftauben brauchten. Taubenpost ist heute nur mehr als Hobby bekannt, war aber bei gewissen militärischen Einsätzen noch im Zweiten Weltkrieg in Verwendung und davor recht häufig. Man darf sie nicht unterschätzen: Die Brieftaube kann mehr als 1.000 km fliegen, freilich nur in eine Richtung: Nach Hause, also immer an denselben Empfänger.

Ein anderer Grund für die Taubenzucht lag im gastronomischen Zweck. Taubenverzehr war weit verbreitet, natürlich auch in Klöstern. Am Generalkapitel der Cistercienser im Jahr 1601 wurden 18 junge Tauben verzehrt (und – unter anderem – 18 Gänse, 6 Fasanen, 30 Hasen und 3 Schafe…). Taubengerichte sind in deutschsprachigen Ländern selten geworden, in Frankreich und Spanien sind sie heute noch beliebt. Auch in Asien werden Tauben gerne gegessen und sind ein wesentlicher Teil der Fleischproduktion.

Mehr zum Taubenhaus hier.

Montag, 11. Juli 2016

Die Schreibmaschine: Relikt vergangener Schriftkultur

Die Schreibmaschine entwickelte sich im großen Stil in der Zeit um 1880, als die Massenherstellung von den kleinen Druckern möglich wurde. Bis zum ersten Weltkrieg gelangte das Werkzeug zur Verwendung in allen (schriftlichen) Bereichen der westlichen Gesellschaft, von Kanzlei zu Kloster.

Berühmte Schritte in der Entwicklung der Maschine kamen durch die Elektrizität und dann in den 1960er Jahren, als IBM die Golfball-Mechanik einführte. Das Schreibmaschinen-Design erreichte einen letzten Höhenflug mit der Firma Olivetti, deren Valentine Produkt im Jahr 1970 etwas von den Träumen der Raumfahrt vermittelte.

In Klöstern wurde die Schreibmaschine genauso häufig verwendet, wie anderswo. Sie erreichte dort vielleicht sogar eine höhere Bedeutung, weil das Tippen in Klosterschulen unterrichtet wurde und viele Patres diverse private und berufliche Anlässe zur Verwendung von Schreibmaschinen hatten.

Weil in Klöstern das Werkzeug wie heiliges Altargerät betrachtet werden soll (RB 31,10) und die Schreibmaschinen meist nicht gewerblich verwendet wurden, kam es nie zu den pauschalen Entsorgungen und Neuanschaffungen, die in Firmen üblich sind. Und da man in Klöstern Dinge nicht gern wegwirft, kam es zur (ungeplanten) Bildung von exzentrischen Sammlungen, wie diese Anhäufung von aus dem Verkehr genommenen Schreibmaschinen am Gang eines Benediktinerklosters zeigt.

Montag, 20. Juni 2016

Äbte spendeten Priesterweihe bis ins 18. Jh.

Das spätmittelalterliche Kirchenrecht kennt einige Fälle, in denen Äbte mit dem päpstlichen Privileg ausgestattet wurden, die höheren Weihen zu spenden.

Papst Bonifaz IX. verlieh in der Bulle Sacrae religionis (1. Feb. 1400 | DH 1145) dem Abt des Augustiner-Chorherrenstiftes St. Osyth in Essex (Diözese London) und seinen Nachfolgern die Vollmacht, den Professen des Klosters die Weihe zum Subdiakon, Diakon und Priester zu spenden. Das Privileg wurde auf Intervention des Ortsbischofs drei Jahre später durch die Bulle Apostolicae Sedis wieder zurückgenommen, aber diese sagte nichts über die Gültigkeit der inzwischen erteilten Weihen: Sie galten.

Einen ähnlichen Fall stellt die Bulle Gerentes ad vos (16. Nov. 1427 | DH 1290) dar, in der Papst Martin V. dem Abt des Cistercienserklosters Altzelle in der Diözese Meißen „auf einen Zeitraum von fünf Jahren hin“ erlaubte, „einzelnen Mönchen ebendieses Klosters und Personen, die Dir als Abt untergeben sind, auch alle heiligen Weihen zu spenden, ohne dass dafür die Erlaubnis des Ortsbischofs erforderlich wäre und die Apostolischen Konstitutionen und Anordnungen sowie die übrigen gegenteiligen (Verlautbarungen) in irgendeiner Weise entgegenstünden“. 

Ein drittes bekanntes Beispiel stammt ebenfalls aus dem Cistercienserorden. Innozenz VIII. erteilte mit der Bulle Exposcit tuae devotionis (9. Apr. 1489 | DH 1435) den Äbten von Cîteaux und den vier Primarabteien La Ferté, Pontigny, Clairvaux und Morimond das Vorrecht für die Spendung der Subdiakonats- und Diakonatsweihe eigener Professen, „damit die Mönche […] nicht gezwungen werden, für den Empfang der Weihen […] außerhalb des Klosters hierhin und dorthin zu laufen“. Dieses Vorrecht wurde bis ins späte 18. Jh. in Anspruch genommen. Im Rituale Cisterciense war lange Zeit der Ordo der Subdiakonats- und Diakonatsweihe zu finden.

Im Hintergrund steht das dogmatische Problem der Sakramentalität der Bischofsweihe, das lange Zeit nicht gelöst war. Die Frage nach der Stellung des Bischofsamtes im Unterschied zum Priesteramt blieb bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil ungeklärt (vgl. Lumen gentium 21). Ob der Priester außerordentlicher Spender der Priesterweihe sein kann – bei der Firmung ist das möglich – wurde bis heute nicht eindeutig beantwortet.

Erarbeitet von Johannes Lackner. Vgl. Anton Lässer, Die Beziehung von Bischofs- und Priesteramt aus der Sicht des Bußsakramentes (Dissertation Rom 2006) 49-118.

Mittwoch, 8. Juni 2016

Die Primizkrone – Symbol geistlicher Vermählung

Primiziant, 1926
Die Krone wird verstanden als Zeichen für den Eintritt in einen dauernden Zustand, in dieser Hinsicht ist die Primizkrone vergleichbar mit einer Hochzeits- und Totenkrone. Weitere Deutungen der Priesterkrone sehen in ihr ein Zeichen der Jungfräulichkeit. Ein Gedicht aus der Mitte des 19. Jh.s fragt voll Bewunderung: „Wer bist du, Jüngling, mit dem Blütenkranze, jungfräulich um dein junges Haupt gewunden?“ Die Krone ist zu besagter Zeit in bayerischen und österreichischen Bistümern gut belegt (erste Spuren finden sich bereits um 1530) und hält sich bis in die Mitte des 20. Jh.s.
Die liturgische Verwendung der Krone war verschieden. Mal trug der Neupriester sie während des Einzugs (evtl. setzte die Mutter ihrem Priestersohn die Krone am Kirchenportal auf), mal trug ein Mädchen – die „Primizbraut“ – in der Prozession die Krone auf einem Kissen, mal trug der Neomyst sie während der gesamten Messfeier am Haupt. Die Beschaffenheit der Krone war von lokalem Brauch abhängig; erhaltene Exponate aus dem 19. Jh. sind meist etwa 12 cm hoch, bestehen aus Draht, sind je nach Anlass (z. B. zur Sekundiz) grün, silber oder gold gehalten und dekoriert mit Kunstblumen, -ähren oder -trauben.
Vgl. Monika Kania, Geistliche Hochzeit (Würzburg 1997) 165-168.